Wir freuen uns, Dich auf dieser Seite begrüßen zu können! Das hier vorgestellte Projekt trägt den Namen "Eleum" und ist ein Buchprojekt von Andreas Dießner und Michael Necke.
Ein Kriminalroman der besonderen Art. Packende Abenteuer, exotische Schauplätze und Spannung garantiert. Wir wünschen Dir viel Spaß beim Lesen!
Die Autoren
Akt 1 - Die Antifrequentantin
Nacht. Schwerer Regen trommelt auf den alten Schirm und bringt ihm zum Zittern. Schnief.
Dieser verdammte Regen. Nichts als Regen. Schon die ganze Woche.
Als Henry nach oben schaut, trifft ihn ein Tropfen ins Auge. „So ein Sauwetter“, meint eine rundliche weißbehaarte Dame, schon etwas älter, von unter her, als ob sie das Malleur hatte kommen sehen. Auf einer Bank sitzend stochert sie lustlos mit ihrem Fuß in einer kleinen Pfütze herum.
Henry schaut nach unten und nickt. Schnief. Mit der linken Hand kramt er in der Tasche nach einem Schnupftuch. Etwas krümeliges bekommt er zu fassen. Ein altes, hoffentlich unbenutztes Papiertaschentuch. Der fade Schein der Straßenlaterne lässt das Grau der Nacht noch düsterer erscheinen.
Ein Wagen nähert sich.
Regungslos taxiert Henry mit einem zugekniffenen Auge das näher kommende Fahrzeug. Es gleitet fast wie in Zeitlupe vorbei. Henry wird aus seinen Gedanken gerissen. Er wird mit seinen Schirm nach vorne geschuppst. Wasser tropft vom Schirm herab. Er wischt sich über das nasse Gesicht. So, jetzt reicht es! Erst der Obstkuchen heute morgen, der ihn im kuscheligen Pelz aus dem Kühlschrank angriente und dann noch dieses Wetter.
Das war ja nicht mehr auszuhalten! Was für ein Tag. Henry dreht sich blitzschnell herum und bringt die um ihn herumstehende Menschenmenge zum staunen.
Einem Kind fällt der Teddybär aus dem Arm und platscht auf den dreckigen Gehweg.
„Wer war das?“ ruft Henry finsteren Blickes in die Runde. Doch keiner antwortet, schlimmer noch, es scheint niemanden zu interessieren. Henry ist zornig. Er setzt seine Mickey-Maus-Maske ab.
Es hilft nichts - heute wird es nichts mehr - der Tag ist im Eimer. Erst der doofe Job im Kabarett und nun dieses dämliche Warten im Regen. Das erschrockene Kind hebt den Teddybären auf und streckt Henry die Zunge raus. Henry kneift die Augen zusammen und fixiert das Kind.
In diesem Moment kommt der Bus aus der Dunkelheit angeschossen. Endlich. Henry kann es kaum erwarten, einzusteigen. Es fällt ihm leicht, er steht ganz vorne. Henry schwingt sich auf den ersten freien Platz. Endlich in Trockenheit, endlich nach Hause.
Im selbigen angekommen, hurtig die steilen Stufen hoch bis unters Dach. Dann noch zwei- bis dreimal abbiegen, über den Holzbalken mit den spitzen Kanten und an dem gemauerten Abzug vorbei, die kleine Metallwendeltreppe runter und quer über den Hof.
Links die Auffahrt hoch, dann mit dem Fahrstuhl direkt nach oben. Kurz vor dem Dachboden hat er sein Ziel erreicht. Tiefes Durchatmen. Wo ist nur der verdammte Wohnungsschlüssel?
Die prall gefüllte Tasche mit seinem Kostüm landet in der Zimmerecke.
Mit einem lauten Schwung fliegt die Wohnungstür zu. Das kleine Zimmer unter dem Dach kann er sich gerade noch leisten. Durch das einzigste Fenster scheint der Mond. Regen trommelt an die Scheibe und machte diese nass. Henry stört das kaum, denn es war ja draußen und nicht drin. Erst mal die Schuhe aus. Kaum hat er sich aus seinem Anzug gepellt, meldet sich schon sein Magen.
Ein Griff in das Regal unter der Spüle sollte das Problem lösen.
Aha! Eine bereits museumsreife und unweit abgelaufene Büchse Bohnen-Brokkoli-Suppe. Genau das Richtige, um dem vermasselten Tag die Blech-Krone aufzusetzen.
Da aber dies die einzigste Dose ist, die er noch hat, wird sie wohl herhalten müssen. Schnell noch ein paar Streifen selbstgefällten Schnittlauch in gleich lange Stücke schneiden und mit Koriander-Imitat verwürzen - fertig. Henrys Vermutung wurde bestätigt: Schmeckt nicht und macht schon gar nicht satt.
Schon klopft es an der Tür.
Ob das wieder sein nerviger Nachbar ist? Ein Loosertyp, der nur noch mit billigem Bier seinen Alltag ertragen kann. Flink windet er sich zwischen zwei Bücherregalen und einem Hutständer zur Tür hindurch. Ein Blick durch den Türspion zeigt nichts. Die Putzfrau versucht verzweifelt einen Kaugummi vom Treppengeländer zu kauen. Blinder Alarm.
Wer hat da nur geklopft? Henry wendet sich wieder der Suppe zu. Sie ist kalt, schmeckt jetzt aber besser. Es klopft erneut.
„Mist!“ ruft er, „wer ist das?“ Erschrocken zuckt er vor lauter Schreck zusammen. Die Bohnen-Brokkoli-Suppe fliegt im hohen Bogen in Richtung Fenster, verfehlt es auch nur um Haaresbreite und landet neben der blank polierten Schreibmaschine. Grüne Klumpen Brokkoli kleben nun an der schönen Tapete. „Wehe es ist nicht wichtig!“ brüllt Henry die Türe an und öffnet sie. „Ach ... du bist ja doch da!“ schallt es von draußen her.
„Ich wollte gerade wieder gehen.“
„Ja klar bin ich da, was hast du denn gedacht. War nur gerade beim Abendessen. „Komm‘ doch rein.“ Henry winkt freundlich in sein kleines Reich. „Was führt dich her, Bärbel?“
Sie streicht mit einem Kamm durch ihr seidenglattes Haar. Milliarden kleiner Glizzerkristalle funkeln auf ihrem Kopf.
Henry schaut auf ihre Sensoren. Sie zeigen ihm, dass es kalt draußen sein muss.
Die Putzfrau hat indess den Kaugummi recht gut mit einer Lötlampe vom Geländer gebrannt.
Sie packt ihren Eimer und Schrubber ein, zieht ihre weißen Hausschuhe an und macht sich auf, sich räumlich zu distanzieren.
Peter schaut ihr mit großen Augen nach, bis er sie in der Ferne mit dem Fahrstuhl verschwinden sieht.
„Darf ich reinkommen?“. Bärbel scharrt mit den Hufen. Henry stützt sich lässig mit der Hand an der Türkante ab und streckt seinen nicht minder präsenten Bauch heraus.
„Klar doch ... es ist nur ein bisschen unaufgeräumt. Wenn es dich nicht stört ...“ Beide setzen sich an den antiken Kirschbaumtisch direkt neben dem Schokobrunnen. Schnell noch die preiswerten Stühle vom Baumarkt beigeholt. Irgendwo müssen die doch sein. Bärbel presst sich aus ihrer Jacke heraus und wirft sie auf den Schirmständer.
„Immer noch so schreckhaft?“, fragt sie mit dem Zeigefinger in Richtung besprenkelter
Tapete zeigend.
„Hmm“. Henry nickt und holt schnell ein Tuch, um das ungewollte Muster von der Wandbekleidung zu wischen. „Zaubrium verschwindrium dreckorium.“
„Ich ... war gerade in der Gegend ... da habe ich ...“, beginnt sie zögerlich. „Willst du was trinken?“, unterbricht Henry recht unhöflich.
„Ja, ich nehme einen 47er Chateau Bianco Negro, wenn du da hast.“ Bärbel macht es sich am Tisch bequem. Ihr Blick fällt auf das Bild gegen über an der Wand.
Zu sehen ist eine gruselige Nebellandschaft mit Morgenstimmung. Die aufgehende Sonne steckt ihre Strahlen zum Betrachter aus. Sanft ruht der kleine See, der nur hier und da durch ein paar kleinen Wellen von sich aufmerksam macht. Am Ufer schläft ein Krokodil mit einer goldenen Krone und am Himmel ziehen einige Wolken auf. Ob es gleich regnen wird?
„Da bin ich wieder! Hier deine Flasche. Lass es dir schmecken“. Henry ist inzwischen aus dem Weinregal gestiegen und lässt mit einem lauten Krachen das geforderte Getränk auf den Tisch fallen.
„Vorsicht mit der guten Tischdecke!“, ermahnt ihm Bärbel und legt vorsorglich eine alte Zeitung unter. „Hast du auch einen Untersetzer?“ „Leider nicht, nur einen Übersetzer, aber der wird dir aber nicht viel nützen, oder?“ Das Wörterbuch verschwindet wieder im Regal.
„Scheiß Wetter draußen. Nur gut, dass du Scheiben in den Fenstern hast, dann bleibt der Regen draußen ... und so.“
„Darauf bin ich besonders stolz. Wie findest du meine alte Schreibmaschine?“
„Hast Recht. Der Wein schmeckt echt lecker. Ich glaube, ich nehme noch einen Schluck.“
„Du wolltest sagen, warum du hier bist“. Henry hat sich inzwischen eine Zigarre angesteckt und sich mit an den Tisch gesellt. Es klopft erneut. Diesmal ist es Peter, Henrys Nachbar.
Mit einer Flasche Bier in der Hand und Schweiß im Schritt hat er mitbekommen, das Damenbesuch eingetroffen ist.
„Hey Henry, wasn los und so? Wer ist die Perle?“ Peter zeigt mit seinem Finger zum Tisch, ohne sich jedoch von seinem geliebten Getränk zu trennen.
„Och Peter. Heute nicht“. Henry ist entsetzt. Was soll nur Bärbel denken? Der versaut mir den ganzen Abend. Peter greift hinter seinen Rücken. Er hat seine Gitarre mitgebracht.
„Ich habe in meinem Kühlschrank noch ein Jubiläumskuchen. Soll ich den mal holen?“
„Nee lass mal. Ich wollte gerade ein Kreuzworträtsel lösen.
Wo du einmal da bist. kennst Du den Names eines ägyptischen Pharaos ... mit 6 Buchstaben?“
Peter überlegt. Hmmm irgendwo hat er das schon mal gehört. War es in einem wissenschaftlichen Artikel in der Zeitung, einem Radiointerview oder einer wiederholten Daily Soap? Es liegt ihm auf der Zunge. Minutenlanges Schweigen beherrscht die Situation.
Er weiß es, er kommt nur nicht drauf. Peter schwitzt. „Djoser“, platzt Henry laut dazwischen. Peter ist sauer, das hätte er auch gewusst. Beleidigt lässt er einen Blumentopf auf den Herd fallen. Bärbel ist inzwischen in den Heizungskeller gegangen, um einen Fineliner zu suchen.
Im Fernsehapparat werden Scherenschnitte gezeigt, die eine Perücke ersetzen sollen. Henry ist fasziniert. Peter versteht die Welt nicht mehr. Verwirrt zupft er mit seinem kleinen Finger an einer Gitarrensaite, um Aufmerksamkeit zu erlangen. C, Cis und Fis formen eine unheimliche Stimmung im Raum.
Während Henry auf Bärbel wartet, setzt er sich an seine Staffelei und beginnt das Ölgemälde weiter zu malen, welches er vor Jahren begonnen hat. Eine raffinierte Kopie eines Meisterwerks von Kandinski.
Henry streicht gerade etwas Rot in das Bild hinein, als ein gellender Schrei direkt aus dem Flur ins Zimmer dringt. Verdutzt guckt Peter hinter sich, genau zu Henry. Die Putzfrau guckt verwirrt Peter an, der bereits zu Henry schaut. Dieser versucht nun an der Putzfrau vorbei zu schielen, wird aber jäh von ihrer stattlichen Figur daran gehindert. Massive Diskorpulenz ist präsent. „Was´n das nu wieder?“ fragt Peter in die Runde und macht sich ein neues Bier auf. In seiner Hosentasche klappern leere Flaschen.
Henry legt Pinsel und Farbpalette beiseite, rückt die Staffelei ein Stück zur Seite und schreitet bedächtig auf seinen Nachbarn zu. Während sich das Licht im Raum verdunkelt, macht sich gruselige Stimmung breit.
Unheilvoll zieht leise Geigenmusik herauf und kalter Wind lässt die drei erzittern.
„Ich mach erstmal das Licht an, die Musik aus und das Fenster zu - das hält man ja nicht aus!“ sagt die Putzfrau und schiebt ihren Leib durch die Tür. Peter tropft ein wenig Schaum aus dem Mund.
Auf der Gardinenstange entdeckt die Putzfrau einen kleinen Kieselstein. „Aha, was haben wir denn hier?“ Sie blickt vorwurfsvoll zu Henry, der achselzuckend neben Peter steht. „In einem alten Buch habe ich mal was über einen Apfelkuchen gelesen, der in einem Aquarium zur Schule ging ...“
„Das ist interessant“.
Peter hat inszwischen etwas Neues entdeckt. Auf dem Couchtisch, der die Form einer nackten Frau hat, liegt ein DIN-A4-Blatt mit einer Zeichnung eines Rasenmähers. „Hast du das gemalt?“, fragt er und greift nach dem selbigen. Ganz schön schwer. „Ja klar. Darauf bin ich sehr stolz. Das brauche ich für meinen neuen Nebenjob bei der Zeitung. Für die schreibe ich ab und zu kleine Beiträge, um mir neben meinem Studium etwas dazu zu verdienen.
Übrigens, habt ihr meinen letzten Artikel gelesen? Er handelte über Stoffhüte, serviert mit einer Halskrause.“ Die beiden anderen schütteln den Kopf. Peter greift in seine abgetragene Trainingshose und beginnt sich hartnäckig darin zu kratzen. Die Putzfrau dreht sich angewidert weg. Ekelhaft. „Oh schade, der war echt gelungen, fand ich.“
Henry legt das Blatt zurück in sein Regal, direkt neben die Dose Gipskartondübel.
„Wo zum Teufel bleibt nur Bärbel? Die müsste doch schon längst zurück sein. Lasst uns mal nachsehen.“ Gesagt, getan. Peter befreit seine Hand aus seiner Trainingshose und klopft laut auf das in der Ecke stehende Holzbrett.
Los geht es. Aber halt, die Putzfrau hat auf einem Treppenabsatz einen weiteren alten Kaugummi entdeckt. Mit ihren eigenen Nasenhaartrimmer beginnt sie dem Übel beizurücken. Henry nimmt noch schnell einen Schluck aus seiner Teetasse.
Gut, dass es jemanden in diesem Haus gibt, der sich um so etwas kümmert. Sie ist gut. Ja, sie ist gut. Sogar sehr gut.
Peter gibt ein weiteres mal ein Signal zum Aufbruch. Mit seiner Babyrassel rhythmust er einen beatigen Blues in die Luft. Jetzt aber. Die Putzfrau ist fertig und steckt den Kaugummi in ihre Kittelschürze. Wer weiß, wofür der noch mal gut ist.
Als die drei lustigen Gesellen im Keller angekommen sind, machen sie halt.
Richtig unheimlich hier.
Henry muss mal. Henry muss mal das Licht anmachen. „Hallo Bärbel? Wo bist du?“ schallt es durch die dunklen Hallen und Gänge. Keine Antwort. Stille. „Bärbel? BÄRBEL? Bäheeeeerrrbeeeeeeel?“ Erneut keine Antwort. Die mit unzähligen Spinnweben bedeckte milchig-weiße Deckenlampe beginnt zu flackern.
„Ja kann man hier nicht mal in Ruhe schlafen, zum Geier“, erklingt es jäh aus einer Ecke. Erschrocken zucken unsere drei Freunde zusammen. Die Putzfrau wird kreidebleich.
Peter lässt vor Schreck seine Flasche fallen.
Hinter den Lagerkartoffeln gleich neben den Kohlen beginnt sich ein großer grauer Pappkarton zu bewegen. Heraus klettert eine verwahrloste, kleine Gestalt mittlerer Größe. Dunkles Haar, runder Kopf, dann ein Körper mit Armen und Beinen dran. „Wer sind Sie? Was machen Sie in meinen Keller und wo Kuckuck ist Bärbel?“
„Gestatten Rhombus, General Rhombus.“ Staunen. Großes Staunen. „General?“ „Ja gewiss - 3. Grenadierkompanie 37. Ich habe mich hier versteckt für eine Tarnübung. Meine Kameraden sollten aber schon längst da sein. Komisch.
Bin wohl ein bisschen eingeschlafen.“
„Kameraden? In meinem Keller eine Übung?“
„Ja, Ja, ich warte hier schon seit ... Wochen ...“, murmelt er, während er fragend auf seine Armbanduhr schaut, „... und keiner hat mich gefunden.“ Pause.
„Ich bin ein wahrer Meister der Tarnung!“ Stolz schwellt seine Brust an. Eine Kartoffel fällt mit lautem Poltern auf den Boden.
„Aber die 3. Grenadierkompanie 37 wurde doch schon vor vielen Jahren aufgelöst!“, ruft entsetzt die Putzfrau in die Runde.
General Rhombus kratzt sich murmelnd am Kopf und steift sich langsam seine staubige Dienstmütze über. Peter hebt die Kartoffel auf und schaut sie fragend an.„Haben Sie hier eine junge Frau gesehen? Sie wollte nur einen Fineliner holen, aber sie ist nicht mehr aufgetaucht.“ Henry will es nun genau wissen. Er hebt den Zeigefinger in Richtung Gurkengläser. Das hätte er mal lieber lassen sollen.
„Igitt, die sind ja schon abgelaufen.“
„Ja ist das denn die Möglichkeit!“
„Oh je.“
„Ach du lieber Gott!“
„Ich fasse es nicht.“
„Potz Blitz, jemand muss sie entführt haben“, ruft Peter und zeigt wild fuchtelnd mit der Hand auf dem Kellerboden.
Spuren. Ja da. Spuren von Schuhen. Spuren von Schuhen, die getragen wurden. Spuren von Schuhen, die getragen wurden, um nicht dreckig zu werden an den Füßen.
Henry schiebt schnell zwei große Batterien in seine Taschenlampe und lädt durch. Im fahlen Licht sucht er die Ecken des Kellerzimmers ab. Da! An der Wand eine Nachricht. Eine Nachricht von jemanden, der wollte, dass sie gefunden werden sollte.
„Hier liegt ein Fineliner ... ähm ... aber ohne Kappe.“ Henrys Beine gefrieren vor Schreck. „Der trocknet doch aus!“
Peter geht einen Schritt näher. An der Wand sind mehrere krakelige Buchstaben in den bröckligen Kalkputz gekratzt ... „E L E U M“ kann man schemenhaft erkennen. „Ist das Blut?“
Der Putzfrau juckt es in den Fingern. Bloß die Hände weg vom Scheuerlappen!
„Das war ich aber nicht.“ General Rhombus ist nun gänzlich aus den Lagerkartoffeln entstiegen. „Schon klar.“ Henry kneift seine Augen zusammen. Seine Nackenhaare stellen sich auf. Was hat das nur zu bedeuten?
Peter hat inzwischen seine Flasche Bier ausgetrunken. Er wischt sich mit dem Arm über den Mund. Die Putzfrau fasst den General an die Hand, der somit offiziell der Gruppe beitritt.
„Lasst uns Bärbel suchen!“
„Aber wo fangen wir an?“, will der General wissen und schaut neugierig in eine alte Truhe mit mottenzerfressenen Klamotten neben ihm. „Hmm .... lasst mich mal überlegen.“
„Beeile dich, ich habe ein schlechtes Gefühl.“ Die Putzfrau, immer noch neben dem General stehend, fängt langsam aber sicher an, die von der Decke hängenden Spinnweben mit ihrem Staubwedel zu beseitigen.
„Hier ist ein Loch in der Wand“, ruft Peter aufgeregt. Kniend zeigt er neben das Regal, in dem sich mehrere ungenutzte Küchengeräte tummeln. „Zeig her.“ „Hier. Der Putz ist noch ganz frisch.“ Er zieht den Finger aus dem Mund.
Henry schaut sich die Sache genauer an. Die Putzfrau hat inzwischen die Hand des Generals losgelassen und sich einen Eimer heißes Wasser geholt.
Peter zeigt auf die Stelle in der Wand. Die fehlenden Backsteine wurden fein säuberlich neben das Regal aufgeschichtet.
„Es bleibt uns keine andere Wahl - wir müssen da durch.“ Henry zieht seinen Bauch ein, nimmt noch einen weiteren Schluck aus seiner Teetasse und beginnt in das Loch in der Wand zu steigen.
Peter folgt ihm zögerlich. Der General schiebt sich seine Dienstmütze gerade und winkt der inzwischen völlig in Arbeit vertieften Putzfrau zu.
„Nun komm doch schon.“
„Gleich. Ich bin fast fertig.“ Die Putzfrau packt den Wischwagen beiseite, streift die gelben Gummihandschuhe ab und öffnet den obersten Knopf ihrer Kittelschürze. So befreit kann sie wie eine wilde Katze elegant durch das Wandloch schlüpfen.
Als letzter zwängt sich General Rhombus durch die Öffnung. Doch halt! Vorher noch das Licht ausmachen. Vielleicht ist es auch klug, den Pappkarton mitzunehmen. Der kann noch einmal nützlich sein. Mit zwei, drei Knicken ist der Karton in eine handliches Format gefalzt.
Er verschwindet unter der mit bunten Orden geschmückten Dienstjacke.
„Na das kann ja heiter werden.“ Mit einem
Becher Mörtel verschließt er das Loch hinter sich.
Akt 2 - Glasklare Angelegenheiten
Wie ein verwunschener Schatz funkelt der glasklare See tief unter der Erde. Milliarden Wassertröpfchen bedecken die Wände und formen sich zu magischen Tropfsteinen. Ab und zu tropft es zu Boden oder ins Wasser, wo sich riesige runde Kreise auf der Oberfläche die Hand geben und ineinander schlingen. Magie beherrscht den Raum.
In einer Ecke erscheint auf einmal ein Gesicht. Es ist Henry, der als erster aus einer engen Felsspalte klettert. Direkt dahinter erscheint die Putzfrau, deren weiße Hausschuhe sich mittlerweile in ein graubraunes Irgendwas verwandelt haben. Hätte ich mal lieber Gummistiefel angezogen, denkt sie. Schon fällt Peter hinter ihrem Rücken hervor und zu guter letzt erscheint auch General Rhombus mit einer brennenden Kerze in der Hand. Der fahle Licht der Taschenlampe erhellt den Raum. Der General lischt seine Kerze und steckt sie ein. Henry steht staunend neben der Putzfrau und lässt die Stimmung auf sich wirken. Als nun alle mitten in der verwunschenen Tropfsteinhöhle stehen, beginnt Peter als erstes die geheimnisvolle Stille zu durchbrechen.
„Wo sind wir denn hier gelandet?“ Er streicht sich mit der Hand durchs Haar, um ein paar hässliche Spinnweben abzustreifen, die während seiner felsigen Reise eine passende Mitfahrgelegenheit gefunden hatten.
„Sieht wie eine Höhle aus.“ Der General zieht sich seine
Jacke zurecht. Ein Orden fehlt schon. Muss wohl abgefallen sein.„Eine Höhle unter der Stadt?“ „Ich glaube nicht, das wir noch unter ihr sind. Seht da.“
Der General zeigt an die Decke, wo sich durch feine Risse einzelne scharf gezeichnete Sonnenstrahlen ihren Weg ins Innere des geheimnisvollen Raumes bahnen. In diesem magischen Moment der Faszination, kann man nun auch leicht das Meer hören, wie es sanft aber doch bestimmt seine Wellen an die schroffen Felsen wirft.
„Klingt nach Wasser, was denkt ihr?“ „Ich glaube hier vorne geht es weiter.“ Die Putzfrau zeigt auf eine kleine Biegung am anderen Ende der Höhle.
Henry und Peter gehen voran. Überall glitschiger nasser Fels. Schön vorsichtig - hier und da ist es sehr rutschig. Aus dem kleinen verwunschenen See schauen ein paar neugierige winzige Gold- und Silberfischäuglein, als ob sie froh sind, dass die ungebetenen Eindringlinge endlich verschwinden. Ein paar Gänge weiter erreichen sie einen weitere Grotte. Diese sieht nun ganz anders aus. Von der Decke hängen ein paar vertrocknete Wurzeln und an den Wänden kann man Moos und Flechten erkennen.
„Wir kommen langsam raus hier“, meint Peter und puhlt sich mit einer alten Kugelschreibermine im Ohr. „Aber was ist das?“ Henry schaut aufmerksam an eine Stelle an der Wand, die über und über mit Geröll bedeckt ist.
„Hier.“
„Wo?“
„Na hier.“
Henry zeigt auf eine zugemoderte Steintafel, eingekreist durch ein paar alte Holzspieße, auf deren allerdings nichts aufgespießt ist. Oder es war mal was aufgespießt, das ist aber schon lange abgefallen bzw. verrottet. Wer weiß? Jedenfalls sind diese Holzspieße recht hübsch anzuschauen.
Henry schaut genauer hin. Er setzt seine Lesebrille auf. „Seht doch mal. Da ist eine Schildkröte abgebildet.“ „Ja mit viel Fantasie könnte es eine Schildkröte sein ... oder auch ein Hamburger“. Peters Magen beginnt laut zu Knurren.
Ein Salamander huscht über den Boden und verschwindet im Maul einer Schlange im Zeichen des Drachen. „Diese Stelle sieht aus wie ein Schlüsselloch.“ Der General deutet auf eine Stelle gleich unterhalb der vermeintlichen Schildkröte. „Gib mir doch mal die Mine“, Henry will es jetzt genau wissen.
Und siehe da. Die Mine passt etwas zurechtgebogen genau hinein. Plötzlich ein lautes Knarren. Stille. Dann wieder ein Knarren. Die Luft beginnt magisch zu summen. Bunt blinkende Funken wirbeln in der Luft.
In der Mitte des Raumes blitzt mit lautem Schrei ein Dimensionstor auf. Die Putzfrau schaut als erste durch. Auf der anderen Seite sieht sie eine laut singende Zwergenpolonese, die sich ihren Weg durch den Wald bahnt. Ja da kommt Stimmung auf. Aber noch ehe unsere Freunde die Situation richtig verstehen, schließt sich das Dimensionstor so schnell wie es entstanden ist. Großes Staunen und Unverständnis erfüllt den Raum.
„Was war das?“
Achselzucken. Henrys Geste ist eindeutig und unterstreicht die momentane Gesamtsituation. „Müss wohl so sein.“ Peter ist sich sicher. „Hört ihr das Rauschen des Meeres? Ich glaube, wir sind fast draußen.“ „Los weiter“, fordert General Rhombus die Gruppe auf.
Und siehe da, nur ein paar Ecken weiter öffnet sich der Fels und gibt eine abendliche und unheimlich romantische Strandkulisse preis.
Die Wellen werfen sich stürmisch an den weißen Sandstrand, als ob sie ihn umarmen wollen und im Mondlicht kann man hier und da ein paar Möwen am nächtlichen Firmament ausmachen.
Bunte Muscheln liegen verstreut herum und laden zum fröhlichen Aufsammeln ein. Ein paar Eulenrufe sind zu hören. Rote Krabben eilen über den Strand und ein paar Meter weiter hinten kann man eine große Schildkröte sehen, die genüsslich auf einem Palmenblatt kaut. Auf der gegenüberliegenden Seite erstrecken sich riesige Felder goldenen Getreides bis hinter den Horizont. Der Mond wirft sein kühles Licht über den Strand. Eine Fledermaus fliegt lautlos vorbei.
„Wo sind wir?“, will die Putzfrau wissen. Sie kniet nieder, greift mit der rechten Hand in den vor ihr liegenden Sand und lässt ihn sanft durch ihre Finger rieseln.
„Keine Ahnung. Ich wusste gar nicht das wir überhaupt einen Strand haben.“ General Rhombus schaut in seine Landkarte und versucht die Position mittels Kompass und Rästelraten zu ermitteln. „W A S ... ist nur aus Bärbel geworden?“, ruft Henry sehnsuchtsvoll aus sich heraus. Er schlägt seine linke Faust vor die Brust und lässt sich kraftlos auf die Knie fallen.
Kleine Tränen kullern über seine Wange. Wütend erhebt er die Hand gen Himmel, in der Hoffnung, dass irgend jemand seine Frage beantwortet. Donner grollt aus den Wolken. Ein Kampfjet kommt heraus und verschwindet im Tiefflug über den verdutzten Köpfen unserer Freunde hinter einer Hecke.
„Alle mal hergehört! Dieser kleiner in Holz gefasster Weg bringt uns der Wahrheit vielleicht ein Stück weiter“, bestimmt General Rhombus und zeigt mit seinem Säbel auf die Dünen.
„Seht. Da hinten ist eine Standhütte. Da gibts bestimmt was zu trinken!“, ruft Peter und macht vor lauter Freude sich ein neues Bier auf.
„Ruhig bleiben.“ Der General zieht erst mal ganz gemütlich seine qualmende Stiefel aus und streckt alle viere von sich.
„Ich brauche erst mal eine Pause. So viel Abenteuer auf einmal verkrafte ich nicht. Außerdem knurrt mir der Magen.“
„Das ist eine gute Idee. Ich habe auch schon lange nichts mehr gegessen.“ „Wie wäre es mit einem schönen Lagerfeuer, Jungs?“ „Ich suche schon mal Holz.“
Henry spürt neue Energie in sich. Der Wind weht sanft durch die Palmen und lässt die Blätter rauschen. Eine Möve fliegt vorbei und wirft einen neugierigen Blick auf die Fremdlinge. Die Putzfrau holt ihr silberfarbenes Feuerzeug raus.
Die trockenen Zweige fangen sofort Feuer. Aromatischer Rauch steigt auf. „Ach ja so ein schönes Lagerfeuer, wie es knackt und knistert, richtig romantisch.“ Sie wirft ihre Blicke zum General, der inzwischen mit einem alten rostigen Angelhaken seine Zehennägel reinigt.
Die Putzfrau seufzt auf und lässt sich in den warmen Sand fallen. Peter und Henry nehmen links und rechts von General Rhombus Platz und nur wenige Zeit später sitzen alle um das knisternde Lagerfeuer und kauen genüsslich an einem Schildkrötenbein.
Doch Peter will mehr. Er holt sich einen langen Stock, spießt zwei, drei dutzend Bratwürste auf und hält sie über das Feuer. Der fantastische Geruch lässt ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Das steckt an. Henry hat sich inzwischen den eben noch zweckentfremdeten Angelhaken ausgeborgt und eine der roten Krabben aufgefädelt, die wohl etwas zu langsam über den Strand gehuscht war. Es war nicht ihr Glückstag.
Aber auch der General ist erfindungsreich. Mittels Säbelhieb hat er eine Kokosnuss halbiert und beide Hälften in die Glut am Rand des Lagerfeuers abgelegt. Die Milch beginnt schon zu köcheln.
Schnell noch etwas Hühnchen, leicht süß-sauer angebraten und etwas Gewürze dazu. Die Putzfrau hat mit ihrem Wischmob eine Fledermaus eingefangen und reicht sie schön kross angebraten zur leckeren Suppe. So bewappnet sitzen unsere vier Freunde zufrieden schmatzend am Strand. Was für ein Fest!
Dieser recht leckere Duft vom Frischgebratenen und das heitere Gerede wird vom sanften müden Strandwind weit über die Dünen getragen. Neugierige Augen erscheinen hier und da zwischen den Sandhügeln. Ein Raunen geht durch die Palmen. Das Zirpen der Grillen untermalt die Stimmung. Dieses Arrangement bleibt nicht lange unentdeckt.
Ein Mensch mit einem massigen Bauch und kleinen Beinen kommt die Holztreppe herunter. Ab und zu bleibt er stehen, um tief Luft zu holen. Dabei muss er sich mit seiner Hand am Geländer abstützen. So dauert es einige Zeit, bis der wandelnde Fleischberg in Pantoffeln das Lagerfeuer am Strand erreicht hat.
„Hey ihr da! Macht sofort das Feuer aus, dass ist gemein von Euch. Ich habe seit Tagen nicht gegessen und ihr schmaust hier wie die Könige.“
„Wer seit Ihr, Herr?“, will Henry an einer Gänsekeule nagend wissen. „Ich darf mich vorstellen. Ich wohne in diesem Haus.“, sagt der Herbeigehastete und zeigt mit der Hand auf die bereits von General Rhombus angesprochene Strandhütte.
„Wohnst du alleine hier?“ Peter reicht ihm erst mal ein Schmalzbrot. „Gewiss. Ich wohne hier schon so lange ich denken kann. Früher fuhr ich zur See, angelte Fische und aß sie. Doch nun im Alter machen die Knochen nicht mehr so mit. Also habe ich mich hierher zurückgezogen und lebe von dem, was die Touristen so wegwerfen.“
Henry schneidet eine Scheibe vom gegrilltem Wildschwein ab und lässt sie sich genüsslich in den Rachen fallen. Eine Schale frische Erdbeeren mit Vanilleeis wird herumgereicht.
„Du bist doch höchstens erst 30!“, ruft die Putzfrau erstaunt, während sie an eine Languste knabbert.
„Wie ist dein Name?“, will jetzt Peter wissen. Er dreht die Musik am Radio leiser.
„Mein Name tut nichts zur Sache, aber eins sei gesagt: Noch ehe der silberne Mond drei mal aufgegangen ist und die Trolle den goldenen See umrundet haben, sollt ihr ihn erfahren. Er ist Vincent.“
Wütend stampft der Fleischberg mit den Füßen im Sand herum. „Verdammt, ich habe mich verplappert.“
„Welche Trolle?“, hakt Henry nach. General Rhombus zückt seinen Degen. „Äh, habe ich Trolle gesagt? Muss ich mich wohl versprochen haben. Ich sag nix ...“
„Was für Trolle?“ General Rhombus fletscht die Zähne. Seine Hand fühlt den Griff des Schwerts.
Henry zieht seinen Gürtel enger. Eine grünlichgelbe Aurora Borealis zieht am Nachthimmel vorüber. Vincent äugt hektisch nach links und rechts. Schweißperlen tropfen von seiner Stirn. „Ich muss weg.“
Und so schnell wie er gekommen ist, verschwindet er wieder.
Peter schaut ihm noch eine Weile hinterher. Energie ist gleich Masse mal Lichtgeschwindigkeit hoch zwei. Bis in den frühen Morgen sitzen unser vier Freunde am Lagerfeuer und genießen einen Cocktail nach dem anderen. Der Barman ist bereits nach hause gegangen. Jeder bedient sich hier selber.
Peter stochert schlaftrunken mit einem Schürhaken in der noch glühenden Asche herum. Henry kann kaum noch sitzen. Er stützt sich auf die Kochenreste des Wildschweins. Nebenan liegen die Überbleibsel eines Eierbechers.
Einige Fleischstückchen sind noch dran. Doch das macht nichts. Eine bereits mehrere hundert Meter lange Schlange hungriger Krabben bildet sich hinter dem Kadaver. Die ersten Touristen beginnen ihre Liegen aufzustellen.
„So schön es ist. Es wird Zeit.“ Die Putzfrau wischt sich mit ihrem Staublappen den Schlaf aus den Augen. General Rhombus packt Schwert, Degen und Säbel in seinen Rucksack ein.
Henry gähnt laut. Von Peters Bauch rollen die Reste einiger Hähnchenschenkel. „Wenn das mit den Trollen stimmt, haben die vielleicht Bärbel entführt.“, stellt er fest. „Recht hat der, dem Recht gebührt.“ „Es ist eine Sache den Sachverhalt richtig zu verstehen, doch es ist eine andere dessen Sinn richtig interpretieren zu können.“
„Wer morgens Zeit hat den Kater zu streicheln, der kann auch abends den Hund ausführen.“
„Wer abends länger aufbleibt, kann auch früh länger schlafen.“ „Da ist was dran - lasst sie uns aufsuchen.“Die Putzfrau greift in ihren Putzwagen, holt Schrubber und Weichspüler heraus und beginnt den Strand zu saugen.
Peter macht sich eine neue Flasche Bier auf. In der Autowaschanlage geht das Licht an.
Die Sonne steht schon hoch am Himmel, als General Rhombus seine Mannschaft durch die schier endlosen Dünen führt. Zum Glück ist hier alles gut ausgeschildert. Nach nur wenigen Kilometern Fußmarsch erscheint ein Gasthaus am Waldesrand. Rauch steigt aus dem Schornstein. Es scheint also bewohnt.
Klopf. Klopf.
Henry fasst sich ein Herz , Peter die Türklinke.
Im Innern der Schenke steht ein großer Holztisch mit vielen Stühlen drumherum. Einige Stammgäste spielen in einer Ecke Poker und am Tresen zapft der Wirt ein Bier.
Schon kommt eine junge Kellnerin angesprungen und bieten einen freien Tisch an. Dabei formt sie ihren rotbemalten Mund zu einem „O“ und zwinkert mit den Augenbraun.
Der General winkt ab. Keine Chance. „Danke. Danke. Doch wir möchten nur kurz unsere Notdurft verrichten.“
Alle setzen sich. Vielleicht ist ja noch ein Zimmer frei. Peter schaut sich um. Auch die Putzfrau riskiert einen Blick.
Da, ein betrunkener Gast gesellt sich dazu. Sein Bierkrug landet krachend auf dem Tisch. Etwas Schaum läuft herab.
Er wischt sich mit seiner ungewaschenen Hand über die Nase und versucht die Neuankömmlinge zu begrüßen.
„Übrigens wird die gesamte Strahlungsleistung der Sonne auf die Erde durch die Solarkonstante je Quadratmeter beschrieben. Die Sonnenstrahlung auf der Erdoberfläche ist geringer als die außerhalb der Erdatmosphäre, die einen Teil der elektromagnetischen Strahlung absorbiert. Außerdem wird ein Teil als Infrarotstrahlung zurück ins All reflektiert.“
Der General liest aus einem Buch vor während die Putzfrau unerkannt auf die Toilette verschwinden kann.
Peter und Henry folgen in unrhythmischen Abständen. Zum Schluss kann sich Rhombus seinen Weg zur Latrine bahnen, unbeobachtet von den strengen Augen des Wirts.
Der Plan gelingt. Der Betrunkene hat nichts mitbekommen. Irgendwoher hört man einen Radiowecker klingeln.
Draußen bellt ein langhaariger Hund und ein Huhn fliegt gackernd in die Küche. In der Hektik der Aufregung können unsere vier Gefährten durch einen Hintereingang entkommen.
Natürlich haben sie sich vorher noch einige Schokoriegel und andere Snacks aus dem Verkaufsautomat geborgt.
Es könnte eine lange Reise werden und die Trolle haben schon mindestens einen ganzen Tag Vorsprung.
Henry packt seine Schrotflinte aus. General Rhombus hat inszwischen mit Zweigen und Gestrüpp getarnt. Die Putzfrau setzt sich ihr Kopftuch auf.
„Wir reisen schnell und mit leichtem Gepäck.“
„Ja. Lasst uns Orks jagen!“
Peter kommt dieser Satz unheimlich bekannt vor. Seine polierte Rüstung glänzt im Sonnenlicht. Die eingravierten Runen in seinem Rundschild funkeln. Den schweren Rucksack muss der General als erster aufbuckeln.
„Eine schwere Bürde. Doch ich werde sie tragen.“
Akt 3 - Der Wächter
Tief in den Eingeweiden des Waldes schlängelt sich ein schmaler Pfad zwischen kniehohen Pilzen entlang. Man kann kaum weiter als bis zum nächsten Baum schauen. Bunte Blumen säumen den Weg. Die Bäume spannen ihr Blätterwerk schützend über unsere Freunde. Es ist heiß und schwül. Peter wischt sich den Schweiß mit seinem Arm ab. Eine kleine Spinne huscht über seine Hand.
„Wo müssen wir denn überhaupt hin?“, will er entkräftet wissen. Nun muss er erst mal Pause machen. Er stützt seine Hände auf seine Knie. Seine Wanderschuhe dampfen vor Anstrengung. Er schaut zur Putzfrau, die einige Schritte hinter ihm ebenfalls Halt gemacht hat. Noch weiter hinten schreitet General Rhombus mit Stolz geschwellter Brust und Offiziersdegen in der Hand den kleinen Weg daher. Peter winkt ihm zu. Er winkt zurück.
An einer kleinen Lichtung angekommen, erfreuen reife Walderdbeeren die Wandersleut. Hier scheint die Sonne angenehm und unsere Freunde machen eine kleine Pause. Der General schneidet mit seinem Jagdmesser mehrere Scheiben herrlich duftende Salami ab und reicht sie den anderen. Ach ist das hier schön. Peter und Henry lassen sich ins tiefe Gras fallen und machen ein kleines Nickerchen. General Rhombus sichert das Gebiet.
Die Putzfrau hat auch eine Beschäftigung gefunden. Mittels Nagelnipser beginnt sie, den anstehenden Nadelbaum zu bearbeiten. Da taucht auch schon wieder General Rhombus auf. Er hat auf seiner Informationsrunde nichts entdecken können. Zufrieden streicht er sich mit seiner Hand über die in der Sonne funkelnden Orden auf seiner Brust.Dann fletscht er die Zähne und schaut der Putzfrau tief in die Augen. Diese schaut verlegen nach und unten und scharrt mit den Pantoffeln im Gras. Peter streckt alle viere von sich und unterbricht die Szene mit lautem Gähnen. Henry indessen kratzt sich mit seiner Hand an seiner Schulter und dreht sich noch einmal um. Der General reicht Peter die Hand, damit er leichter aufstehen kann. Dankend nimmt dieser an. Leere Bierflaschen scheppern in seiner Hosentasche.
Einige Zeit später ist die Siesta beendet und unsere vier Freunde bahnen sich weiter ihren Weg ins Ungewissen. Dichter Nebel zieht auf und versperrt unseren Helden die Sicht. Wie ein weißer undurchdringlicher Vorhang hängt erzwischen den Bäumen, Himmel und Fußboden.
„Verdammt, hätte ich nur mein Nebelhorn dabei!“ flüstert
Henry. „An meinem Auto habe ich Nebelscheinwerfer ...“, meint Peter und kneift ein Auge zusammen.
„Was meint Ihr?“, will General Rhombus wissen, während er vorsichtig die Gegend ertastet. Er stolpert über einen Stein.
„Halt die Klappe und schau wo du hinläufst.“ spornt ihn Henry an.
Große blutbefleckte Fledermäuse gleiten gespenstisch durch den dichten Nebel und in der Ferne kann man ein Lachen hören.
„Hallo Jungs, könnt ihr mir mal helfen?“ Die Putzfrau hat die Rollen ihres Putzwarens in einer gewundenen Baumwurzel verhakt. Da hilft kein vor und zurück mehr - der Wagen muss geopfert werden. Seufzend packt sie den Inhalt auf ihren Rücken. Der Mob ist verkehrt herum als Wanderstock ganz gut zu gebrauchen.
Peter nippt unbeeindruckt an einer Flasche Küstennebel, die er unbemerkt an der Theke der Schenke entwendet hat. Natürlich bringt er sie wieder zurück, wenn das Abenteuer überstanden ist - obwohl es keinen Pfand drauf gibt. Peter ist ein guter Kerl.
Auf einer Tanne schaut ein Uhu auf das Geschehen. Leichter Wind rauscht durch die Blätter und vertreibt langsam den Nebel. Nun können unsere Freunde die ganze Pracht des Waldes genießen. Doch Vorsicht ist immer geboten!
Die Putzfrau und General Rhombus schleichen graziös Rücken an Rücken durch das Unterholz. Kein Feind soll Ihnen in den selbigen fallen. Das hat er einmal in einem Polizeivideo gesehen und fand, es wäre hier recht angebracht.
„Igitt!“ faucht auf einmal die Putzfrau. Sie hat ein einem Baum etwas Moos und Flechten entdeckt und macht sich an die Arbeit, den geschändeten Baumstamm mit einer Bürste zu reinigen. Dabei benutzt sie ein hautschonendes Reinigungsmittel mit angenehmen Lavendelduft. „Was soll das denn?“ flüstert der General und duckt sich pantherhaft in den Farn. Seine Augen glänzen. Er schabt mit der Pranke eine Delle in den Waldboden. Fehlalarm. Alles in Ordnung.
Henry und Peter haben es sich derweil an der nur wenige Meter weiter stehenden Würstchenbude bequem gemacht. Ein dicker, kleiner rothaariger Mann steht mit einer Pfeife im Mund und mit einer Pfanne in der Hand am Herd. „Pilze gibt´s im Wald“ ist auf einem Schild zu lesen, welches mit einem rostigen Nagel an der Decke des kleinen Überstandes unprofessionell befestigt ist.
„Heute gibt es lecker geschmorte Pilze mit Knoblauchsauce. Dazu reiche ich Pommes rot-weiß.
Wie wäre es meine Herren?“, meint der Würstchenverkäufer zu seinen Gästen, den Rücken zu gedreht in der Ecke handierend. Peter beschließt, das Leergut in seiner Tasche durch volle Kaltmantelgeschosse auszutauschen. Müll wird nicht in die Natur geworfen sondern ordentlich entsorgt. Für die leeren Flaschen erhält er eine Handvoll bunte Glasmurmeln mit geheimnisvollen Runen, einen Sack Reis sowie eine Wäscheleine mit zwei goldenen Wäscheklammern. Er steckt sie vorsichtig in die Tasche. Wer weiß, wofür sie noch nützlich sein werden!
Inzwischen hat auch die Putzfrau an der hölzernen Theke Platz genommen und studiert andächtig die Speisekarte.
„Haben Sie auch Pilze mit Nudeln?“, will sie nun wissen und legt sich schon mal eine Serviette zurecht. Der Würstchenverkäufer schaut langsam unter seiner Pudelmütze hervor. Er beginnt zu Knurren.
„Nur das, was auf de Karte steht.“ Er klopft mit seinem hölzernen Kochlöffel auf die Speisekarte, wobei ein paar gekochte Pilze über die Anrichte kullern und hässliche Fettflecken hinterlassen. Der Koch schüttelt den Kopf und wendet sich wieder seiner Pfanne zu.
„Stadtmenschen.“ brummt er unter seinem Bart hervor, den er nur um seinen Mund herum trägt.
Jetzt ist auch noch das Feuer ausgegangen. Misslaunig packt er die rostige Säge unter seinen Arm, öffnet die kleine mit Holzbrettern verkleidete Tür und verschwindet hinten im Schuppen, um ein paar getrocknete Zweige dem nahe stehenden Baume abzuringen.
Zur gleichen Zeit bewegt sich der General nicht weit entfernt schlangengleich durchs Farn. Dabei simuliert er den Gang einer Eidechse. Zur Tarnung hat er sich eine rote Feder in die Haare gesteckt. Durch die Farbe wirkt er nun sehr gefährlich. Das weiß er und kennt jetzt keine Furcht. Animalische Instinkte zucken durch seine Glieder. Er erspäht einen Schatten, der sich von Ihm weg bewegt und folgt ihm. Leise wie ein Windhauch. Geduckt setzt er zum Sprung an. Während der General und der geheimnisvolle Schatten sich zu einer Kugel aus Moos, Schilf und Erde formen, fauchen sie sich immer wieder wild an.
Laut schmatzend sitzen die drei anderen auf den mit gelben Kunstleder bespannten Barhockern, machen sich hungrig über das in bunten Papptellern servierte Tagesgericht her und beobachten das fröhliche Treiben.
„Hier Sportsfreund,“ ruft der Würstchenverkäufer zum General herüber „wenn du noch was haben willst, musste schon rüber kommen.“
Doch dieser hat sich inzwischen so fest in das schattige Etwas verbissen, dass er es gar nicht mitbekommt. Immer wieder und wieder tritt er kraftvoll ins Untergehölz. Seine Arme sind schon total verkratzt. Er wirft sich auf den Rücken, schlägt mit den Händen und Füßen um sich und versucht ein Angriff nach dem nächsten abzuwehren.
Dabei wird er von Kriegstrommeln begleitet. Es ist ein heftiger Kampf. Endlich findet seine Hand die Muskete auf seinem Rücken. Mit lautem Kawusch und Pengscharasabumm jagt er eine Salve Schrotkugeln in die nahen Büsche. Etliche aufgeschreckte Vögel steigen schreiend empor. Endlich Ruhe.
Unbeeindruckt dessen, haben die anderen schön aufgegessen. Nun gesellt sich auch der General hinzu. Er spuckt Blut und Moosreste aus den Mund und rückt sich seinen Anzug zurecht. Seine schöne Uniform ist dreckig und auch einige Risse hat die Jacke abbekommen. Doch dass stört den General nicht. Zufrieden, den Kampf mit dem unbekannten Angreifer gewonnen zu haben, steckt er sich eine Zigarre an. Dann winkt er den Koch zu sich.
„Nun will ich aber auch was essen.“ Dem General knurrt der Magen. Er haut mit seiner Faust so starkauf den Tisch,
dass die zum Trocknen aufgehängten Pepperoni und Knoblauchzehen herunterfallen. Der Würstchenverkäufter kratzt sich fragend mit seiner linken Hand an seinem roten Bart.
„Hmm. Da muss ich mal nachschauen.“ Er klebt einen unbeschriebenen Zettel an die Kühlbox und verschwindet im neben stehenden Besenschrank.
Peter schiebt eine der runtergefallenen Pepperoni in seinen Mund. Uh, die sind ja ganz schön scharf. Da hilft nur ein Bier. Henry schaut auf seine Uhr und seufzt tief. Wo ist nur Bärbel? Der General hat inzwischen von allen unbemerkt den Dreck von seinen Stiefeln am Stuhl abgestreift. Peter steht auf, um ein paar Schritte zu gehen. In diesem Moment öffnet sich die alte Holztür und der Koch winkt freudig mit seine Hand.
„Also ich hätte da moch Bärengoulasch mit Haferflocken oder drei eingelegte Haselnüsse. Die könnte ich dir mit einer Hirschragout-Soße an Scharlottenmouse servieren. Dann habe ich nur noch gegrillte Wildschweinohren mit eingelegten Tannenzapfen.“
„Na dann nehme ich doch lieber das Bärengoulasch.“
„Danke der Herr. Ich werde das Essen sofort vorbereiten.“ Der Würstchenverkäufer legt behutsam einen eisernen Pfeil in seine Armbrust ein.
„Übrigens war es nicht gerade gut einen der Wächter zu vertreiben.“ Der General schaut fragend zu Henry. Was für einen Wächter? „Ich bin gleich wieder da.“ ruft Würstchen-Fred, während er seine Jägersmütze zurecht zupft. Und mit einen fröhlichen Liedchen auf den Lippen verschwindet er im Dickicht.
Alle warten gespannt auf die Frucht-Explosion.
Spitze Steine ragen zornig vom Fußboden aus gen Himmel. Die Luft ist erfüllt von Duft süß-saurer Speisen und trüb kann man am Ende der Höhle einen Ausgang erspähen. Bärbel kommt zu sich und kämt sich ein paar getrocknete Haferflocken aus dem Haar und beobachtet die unheimliche Szene. Da zupft sie etwas am Kleid.
„Hey Du!“ fährt sie einen kleinen Gnom an, der sie lüsternd anschaut. Schon lässt er seine mit Narben übersäte Zunge durch ihre Zehen gleiten. „Poppen?“ fragt der Gnom, worauf er sich von Bärbel eine schallende Ohrfeige einfängt. „Hey! Lass das mal schön!“ ruft sie dem Bündel hinterher. Er überschlägt sich noch ein paarmal, bevor er kreischend einen felsigen Abhang runter rollt.
Aus der Dunkelheit tritt eine noch dunklere Gestalt. „Das war aber nicht sehr nett.“ spricht diese und riecht dabei unerträglich stark aus dem Mund. Bärbel reicht der Gestalt ein Mundspray. Das ist schon viel besser.
„Wo bin ich hier und was wollt Ihr von mir?“ fragt Bärbel und lässt den Abhang mit dem poppwütigen Zwerg nicht aus den Augen. „Und gibts hier vielleicht eine Toilette? Ein Klo? Eine Latrine??? Ich muss mal.“
„Eins nach dem anderen.“ antwortet die Gestalt und klettert von einer zweistufigen Leiter runter. Mehrere Gnome machen sich augenblicklich daran, die Gestalt wieder unheimlich aussehen zu lassen. Das Licht wird gedimmt, eine Nebelmaschine angeworfen. Die Gnome grinsen sich an.
Bärbel kommt das alles sehr seltsam vor. Sie fühlt sich alleine und auch etwas ängstlich. Wie gern hätte sie Henry jetzt hier. Sie gehen ein paar Schritte und stehen vor einer Tür mit einem Schild auf dem ein kleiner Gnom mit einem überdurchschnittlich großen, naja, ist ja auch egal, aufgemalt ist. Jemand hat mit einem Filzstift die ganze Pracht etwas ausgeschmückt. Bärbel kommt der Gedanke, das Gnome nicht oft Gnomfrauen zu Gesicht bekommen. Gibt es überhaupt Gnomfrauen?
„Hier ist die Toilette!“ sagt die Gestalt und deutet auf eine kleine mit Seilen notdürftig zusammengeschnürte Tür.
Drinnen ist es noch schmuddelliger wie draussen. Die fleckigen Wände sind mit alten angerissenen Magazin-Covern beklebt, eine rosarote Stehlampe in der Ecke, sie macht rosarotes Schmuddellicht und über den Toiletten klebt ein Banner mit der Aufschrift „Holdrio, wir feiern bis die Suppe kocht!“.
„Kostet 5 Goldstücke, die Dame!“, ächst es aus einer Ecke. Eine alte humpelnde Gestalt löst sich aus dem Hintergrund. Bärbel steht vor der Klofrau, die beängstigende ungepflegte Augenbrauen hat. Sie hat gewisse Ähnlichkeiten mit Bärbels Hund. Aber nur um die Augen rum. Die Klofrau kneift diese zusammen. „5 Goldstücke!“ Sie streckt ihre runzelige Hand aus.
„Jaja, ganz schön teuer hier!“ zischt Bärbel zurück und legt das letzte Kleingeld auf den Knochenteller der Klofrau - die verschwindet kopfschüttelnd in letzten Kabine der schmuddeligen Toilette. Eine Registrierkasse ist zu hören, kurz darauf die Spülung. Frisch geduscht schlappt die Klofrau wieder an ihren angestammten Platz zurück und drückt Bärbel einen rostigen Schlüssel in die Hand. „Hinten rechts, Kabine 3a.“ stammelt sie noch, aber Bärbel muss sich schon beeilen, die Natur ruft und keiner antwortet.
Das Hauptquartier der Schmuddel-Gnome ist einer alten Höhle sehr ähnlich. Der Fußboden ist steinig und dreckig, teils mit alten Lumpen bedeckt. Die Decke oben ist nicht zu sehen, was den Anschein erweckt, dass der Raum sehr hoch sein muss. Oder gar nichts mehr oben hat. Ab und zu fällt ein kalter Tropfen Schmelzwasser zu Boden.
Nachdem Bärbel ihre Notdurft verrichtet hat, wird sie brav von der Klofrau getätschelt. Dabei fletscht sie ihre tiefbraunen Zähne und spielt mit den Fingern an ihrer Knochenkette. Mit der anderen Hand greift sie unter Bärbels Kleid.
Das geht jetzt aber zu weit. Bärbel geht einen Schritt zurück. Die Klofrau verneigt sich, leckt sich die Finger ab und verschwindet mit kreisendem Kopf in der Dunkelheit.
Bevor Bärbel über das seltsame Verhalten nachdenken kann, kommt ein seltsam gekleideter Gnom mit einer weißen Kutte in die Latrine hineingetreten. Er stützt sich auf seinen knorrigen Stab, der mit lauter abgeschnittenen Vogelflügeln behängt ist. Igittt. Bärbel muss sich die Hand vor den Mund halten. Der Gnom greift nach Bärbels Arm. Er beäugt sie lüstern von oben bis unten. „Du, mitkommen!“, knurrt der Gnom. Er zündet eine vertrocknete Fackel an.
Zögernd folgt ihm Bärbel. Was haben die nur mit ihr vor?
Das Feuer der Fackel flackert hell auf und in der Nähe sind unzählige Kisten zu erkennen. Große und kleine, ohne
erkennbare Ordnung.
Um eine kleine Kiste hat sich eine Handvoll Gnome versammelt die irgendetwas in ihrer Mitte zu schaffen haben. Eine unheimliche Szene. Der Feuerschein wird schwächer und bald verschwinden die Gestalten wieder in der Dunkelheit. Bärbel erschaudert. Gruselig... Der weiß gekleidete Gnom zieht sie weiter.
Hinter ihnen ist aus dem Nebel nur noch schwaches Getuschel zu hören, als eine Gnomenstimme donnernd brüllt: „Rommé!“
Akt 4 - Die Trompete des Todes
Es ist Ruhe eingekehrt in den Wald, die Abendröte hüllt Bäume und Sträucher in eine warme Decke aus sanften Licht. Henry und Peter sitzen am Rand einer Lichtung und beobachten die romantische Idylle. General Rhombus wartet tapfer an der Theke der Imbissbude auf sein Essen. Dabei lugt die ganze Zeit scheinbar unbeobachtet auf die Putzfrau.
Unter ihrer Kittelschürze trägt sie heute keine Unterwäsche, das ist ihr zu unpraktisch. Sie hat sie einfach ausgezogen. Praktisch, denn so können alle ihre wahrlich reizvollen Rundungen bewundern. Ihr prachtvolles Hinterteil macht den General reichlich geil, aber er lässt es sich nicht anmerken. Mit feuchter Zunge und einem rostigen Löffel schabt er herzförmige Fraktalmuster in die Edelstahloberfläche der Theke.
„Was hier los ist!“ regt sich auf einmal die Putzfrau auf. Sie dreht sich um und schaut woher der Krach gekommen ist. Eine kleine Gruppe zwergengroßer Waldarbeiter kommen mit langen Söcken um die Ecke. Dabei pfeifen sie ein lustiges Lied und stochern wild im Waldboden herum. Oh ja Waldputz. Das ist genau nach dem Gusto der Putzfrau.
Da muss sie sofort mitmachen. Sie erhebt sich vom Barhocker und winkt mit dem Wischlappen der illustren Truppe entgegen. Mit einem gelben Kunststoffbeutel auf dem Kopf hat sie sich schon voll in das Kollektiv integriert. Gemeinsam suchen sie jetzt im Unterholz nach weg geworfenem Müll und benutzten Kondomen. „Das die Leute einfach alles liegen lassen!“ regt sie sich auf. Mit einem hässlichen Ratsch reißt sie einem Eichhörnchen einen verklebten Kaugummi vom Kopf. Das Eichhörnchen hoppelt fluchend von dannen, es sieht aus wie ein Mönch ohne Kutte. Das tut der Putzfrau leid, aber Ordnung muss sein!
Der General schaut sie seuftzend an. Ja, aber wo bleibt denn nun das Essen? Der Koch ist immer noch nicht zurück. Im Bauch des Generals kann man Löwengebrüll hören. Jetzt reicht es ihm. Er zieht seinen silbernen Colt aus der Hose und ballert wild in der Luft herum. Dabei lässt er sein Lasso gekonnt kreisen. Genau in diesem Moment kommt der Würstchenverkäufer hinter einer Brombeerhecke hervorgehumpelt. Er hat sein Bein mit einer Bärenfalle geschmückt. Blut tropft herab und mit gequälter Stimme hebt er die Hand zum Gruße. „Hier bin ich wieder.“
„Und, hast du was mitgebracht? Ich habe Hunger!“, brüllt ihn der General an. „Ja hier.“ Ein paar kleine Heidelbeeren kullern über die Theke. Der General sieht rot. Voller Wut beginnt er den ganzen Imbissstand mit entwerteten Briefmarken zu bekleben. Und schon kommen Peter und Henry angestürmt. Mit Stöcken in der Hand malen sie geheimnisvolle Runen und Symbole in den Himmel.
Schon erscheint der so beschworene Dämon. Dieser zerlegt laut brüllend mit seinen klauenbewehrten Pranken die Imbissbude, mit den Hinterläufen tritt er in alle bekannten Richtungen, dann verbeißt sich genüsslich in den Kopf des Würstchenverkäufers. Knackend und schmatzend vollendent der Dämon sein Tageswerk.
„So, so. Kann man Euch nicht einen Moment alleine lassen.“, ruft die Putzfrau, die die ganze Zeit mit Waldputz abgelenkt war. „Wir haben nix gemacht ...“, will Peter sich rausreden. „Das sehe ich.“ Die Putzfrau ist wütend. Wütend, dass sie nicht eingeladen wurde. Nun ist nichts mehr übrig. Ein krabbelnder Teppich aus schwarzen Waldameisen macht sich über die Reste den Würstchenstands her. „Kommt mal alle her.“
Vorsichtig nähern sich Peter, Henry und General Rhombus. Der beschworene Dämon hat sich inzwischen auf Zehenspitzen lautlos zwischen den Sträuchern entfernt. Nur noch ein paar wackelnde Baumwipfel verraten seinen Fluchtweg. Aber was solls.
„Könnt ihr das nicht leiser und unauffälliger machen? So bekommen wir noch Ärger mit der Polizei!“
„Nächstes mal nehmt dies hier.“ Sie greift in ihre Brusttasche. In ihrer Hand hält sie eine kleine Tröte aus rotem Kunststoff. Dem General schießt spontan ein erotischer Gedanke durch den Kopf. Er muss schmunzeln.
„Das ich nicht lache, was soll denn das sein. Das ist doch für Kinder.“ Peter stemmt sich die Hände in die Hüften und beginnt laut zu lachen. Henry schaut ratlos.
„Genau für Kinder. Nun passt auf.“ Die Putzfrau führt die kleine Tröte an ihre Lippen. Der General bekommt eine Gänsehaut.
Dann holt sie tief Luft und stößt ins Horn.
Zum Glück können sich alle noch schnell die Ohren zuhalten, denn nun fallen schon zu hunderten tote und betäubte Vögel und andere Baumbewohner zu Boden. Das Gras legt sich flach hin. Hier und da fallen gestandene Bäume ohnmächtig um. Dieser fiese Ton ist meilenweit zu hören und was unsere vier Freunde nicht wissen, einige hunderte Kilometer weit entfernt streckt ein Kuckkuck verwundert den Kopf aus dem Nest.
Was war das? Der braunhaariger Gnom hebt den Kopf. Er schaut von seinen Kartenspiel auf. „Du bist dran.“ Muffiger Atem schwebt in der Luft. „Los weiter.“, knurrt ihn sein Nachbar an, der offenbar ein gutes Blatt auf der Hand hat. An der Decke der Höhle fliegen aufgeschreckte Fledermäuse hin und her.
„Pik Ass, Herz sieben und Kreuz Dame. Zack. Zack. Zack.“, ruft der Gnom, der nun an der Reihe ist und knallt seine Karten nacheinander auf den Holztisch. Der braunhaarige Gnom fletscht seine unreinen Zähne. Es scheint ihm nicht zu gefallen. Der Gnom mit der weißen Kutte lässt seine restlichen Karten lustlos auf den Tisch fallen.
Die ratlosen Gesichter der anderen verraten Bärbel, das der Kartenklopfer scheinbar gewonnen hat. Richtig. Mit seinen dreckigen Griffeln beugt er sich über den Tisch und sammelt die restlichen Spielkarten, sowie die getrockneten Kuhaugen ein, die hier als Zahlungmittel höchst willkommen sind. Ja, man muss halt erfinderisch sein. Fröhlich pfeifend beginnt er zu mischen.
„Wann gibt‘s hier denn mal was zu essen?“, fragt Bärbel vorsichtig in die Runde. Der Gnom in der weißen Kutte hebt den Kopf und schaut Bärbel an. Keine schlechte Idee. So kann er wenigstens nicht ein weiteres mal verlieren.
„Okay dann machen wir erst mal ne Pause. Auf zum Fresstempel. Du, du, du, du, du und du, mitkommen. Der Rest bleibt hier. Stubenarrest.“ „Juhu“ rufen die Auserwählten. Die anderen lassen traurig die Köpfe hängen und beginnten damit
aufzuräumen. Ordnung muss sein, selbst in den dreckigsten Löchern.
Kehrschaufel und Besen ersetzen Keulen und Äxte.
Ein Gnom packt Bärbel am Arm, ein zweiter am Bein. Schon bekommt sie einen muffigen Leinensack über den Kopf geworfen.
„Hey was soll das? Ich habe Euch ja gar nichts getan.“
„Der Fresstempel ist heilig. Kein Fremder darf den Weg dorthin kennen.“
„Klingt einleuchtend.“
Da packt ihr eine Hand am Hintern.
„Hey Freunde, so war das aber nicht abgemacht.“ Sie tritt wild um sich, doch nur hämischen Kichern der Gnome ist zu vernehmen. Und los gehts. Über Stock und Stein und über ausgetretenen Höhlenpfaden. Nach einer halben Stunde haben sie die Hälfte des halben Weges geschafft. Der Gnom in der weißen Kutte schaut ab und zu auf seinen Kompass und zeigt in diese oder jene Richtung, die die anderen Gnome dann brav einschlagen.
Der braunhaarige Gnom hält eine alte Grubenlampe voraus und der Kartenschmeißer schließt die Gruppe als Nachhut ab. Hin und wieder greift er mit der Hand in seine Hosentasche und freut sich über seinen Gewinn.
Als sie später an einer goldenen Statue vorbeikommen, machen sie kurz Halt. Der Gnom in der weißen Kutte hebt seine Hand zum Gruß und die Statue nickt freundlich zurück. Die Höhlendecke öffnet sich und ein kleiner Zeppelin wird von
einem weiteren Gnom, der eine Fliegerbrille trägt und einen weißen Schal um den Hals geworfen hat heruntergelenkt. Kaum
unten angekommen nehmen die anderen Gnome die Halteseile und binden sie geschickt an die in der Felswand eingelassenen
Eisenringe fest.
Der Gnom mit der weißen Kutte steigt nun über eine wackelige Brücke mit Bärbel an der Hand in den Zeppelin, die vor lauter Schreck fast nicht mehr gehen kann.
„Los komm schon.“, knurrt der alte Gnom und der junge mit der Fliegerbrille steht von seinem Pilotensessel auf, legt Brille und Schal beiseite, streift sich mit seinen kleinen Griffeln durchs Haar und meldet gehorsamst, dass er gerade gelandet ist.
„Bist ein bisschen spät heute, Krm. Was war‘n los?“
„Ich musste noch eine Schlechtwetterpassage umfliegen, Master.“
Der Pilot schwingt sein Bein lässig auf die Bordwand und entleer seinen kompletten Mageninhalt. Ja, da kann ein schon mal übel werden. Die anderen Gnome kichern laut nach oben.
Krm steckt sich eine Zigarette in den Mund und zündet sie an. Dann schiebt er sie lässig in den linken Mundwinkel - immer cool bleiben. „Na ihr Würmer! Da bin ich wieder. Hier euer Essen...“ Er entlässt eine kleine Rauchwolke aus seinem Mund.Doch er hat nicht mit dem alten Gnom in der weißen Kutte gerechnet. Dieser schlägt ihn volle Wucht einen geschmiedeten Spaten in die Fresse. „Rauchen verboten.“
Na, dass hätte er auch gleich sagen können. Krm wischt sich die blutverschmierten Zigarettenreste von seinem Gesicht.Dann lässt er einen hölzernen Lastaufzug nieder. Darauf stehen einige Kisten, Fässer und eine Kuh mit großen Augen und wackeligen Beinen. Kaum unten angekommen, stürzt sich die Menge auf die Kuh. Aber sie ist bereits tot. Sie hatte sich vor lauter Schreck ins Euter geschissen und da dass die ganzen Blutbahnen verstopft hat, konnte die ganze Zeit kein Blut mehr ins Gehirn vordringen. Doch das tut jetzt nichts mehr zur Sache, die Gnome sind sowieso gleich fertig.
Fein säuberlich werden die letzten Knochen abgenagt um sie später dekorativ in der Höhle zu verteilen. Gnome stehen auf so was. Der Pilot nimmt wieder auf seinem Platz platz. Bärbel wird in eine leere Tonne gesteckt - igittigitt da waren wohl vorher reichlich abgelaufene Fischstäbchen drin.
Der Gnom in der weißen Kutte legt seinen Holzstab beiseite, wobei er natürlich darauf achtet, dass die abeschnittenen Vogelflügel nicht gequetscht werden und setz sich auf den Beifahrersitz. Krm legt den ersten Gang ein und lässt langsam die Kupplung kommen. Los gehts.
Ach ja die Deppen am Boden müssen ja noch die Halteseile losmachen - das hätte er jetzt ganz vergessen. Zur Tarnung immitiert er Propellergeräusche mit der Hand in der Achselhöhle. Der alte Gnom in der weißen Kutte hat nichts bemerkt. Er lehnt sich entspannt nach hinten und träumt von Urlaub.
Krm gibt schnell das Zeichen an die Bodencrew. So, die Seile sind losgemacht und mit einem fröchlich-jauchzenden „Schironimo“ winken sie dem Zeppelin hinterher.
Bärbel hält sich die Nase zu. Hoffentlich dauert der Flug zum Fresstempel nicht zu lange.
Die Putzfrau schüttelt hektisch die Spucke aus der Tröte. Der General und Henry versuchen sich aus dem Meer aus totem Getier zu befreien.
Peter wühlt in seiner Hose und findet eine volle Flasche Bier. Uff, erst mal einen Schluck aus der Pulle. General Rhombus ist schwer beeindruckt. So eine fiese Waffe hat er noch nicht gesehen, geschweige denn davon gehört. Und er hat schon viel gesehen, er ist ein Frontschwein.
„Wer macht denn das alles wieder weg?“, Henry zeigt mit seinen Fingern auf den Boden. „Hoffentlich gibt das keinen Ärger.“ Peter stellt sich schon mal etwas abseits. „Ach pappalapapp, das ist doch im Handumdrehen aufgeräumt.“
„Schade um die Würstchenbude. Ich hätte gerne noch Nachschlag gehabt.“ „Ich gebe dir gleich einen Nachschlag, du Depp. Einfach mirnichts dirnichts einen Dämon beschwören, das hätte ins Auge gehen können.“ Mit einem schweren Ast bekommt Peter eins über die Rübe.
„Wer hat denn damit angefangen?“ Henry schlägt Rhombus die Fresse blutig. Peter holt aus und im nullkommanix hat sich eine handfeste Schlägerei daraus gebildet. Arme und Beine fliegen nur so um die Luft und man kann gar nicht erkennen, zu wem sie gehören.
Ab und zu hört man Knochen knacken und Peter einen Schluck Bier trinken. Das tobende Gerangel wälzt sich über den Waldboden und bindet alles herum liegende mit den heißen Kampf ein.
Nach knapp vier Stunden lassen sich alle erschöpft und blutend auf den Boden sinkend.
„Aua, das hat wehgetan.“
Die Putzfrau hat sich die ganze Zeit das Schauspiel angesehen und nun die 12. Runde mit einem Gong beendet. Kopfschüttelnd denkt sie: „Hach, meine Jungs.“ Sie greift in ihre Schürze und holt eine Packung Pflaster heraus, die sie den kraftlosen Pack aufmunterd hinwirft. Dann dreht sie sich murmelnd weg und widmet sich wieder ihrem Mob zu. Der Gong kriecht zurück in sein Nest.
... coming soon - wir sind dran.